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Ich sitze in Hinnang am Landeplatz. Hier hat alles begonnen. Hier habe ich zum ersten Mal einen Gleitschirm in die Hand genommen und meine ersten Flugversuche unternommen.

Gerade hatte ich den längsten und schönsten Flug meiner bisherigen Flugkarriere: 35 Minuten in der Luft. Viel länger als sonst, denn zum ersten Mal konnte ich in der Thermik kreisen, vogelgleich an Höhe gewinnen und die Berge unter mir immer kleiner werden sehen. Noch nie bin ich höher geflogen. Es ist Frühling. Die Gipfel sind noch weiß, doch in den Tälern leuchten die Wiesen schon grün. Es war traumhaft. Irgendwann hatte ich genug und flog zurück zum Landeplatz.

Im Landeanflug kam der Gedanke: fast 30 Minuten in der Luft – ein persönlicher Rekord. Und dann die Frage: Geht da noch mehr?

Zwischen Mehr und Genug

Freunde waren gerade auf dem Weg zurück zum Startplatz und wollten mich gleich mitnehmen. Aber ich wollte nicht. Nach so einem Flug schien es mir richtig, den Moment wirken zu lassen. Eine Freundin meinte, es sei auch ihr schönster und höchster Flug gewesen – sie war doppelt so lange oben wie ich – deswegen wollten sie direkt wieder hoch. Deswegen?

Seitdem kämpfen in mir zwei Gefühle:

Die Angst, etwas noch Schöneres zu verpassen
Das Hochgefühl des erfüllten Augenblicks

Was ist richtig? Noch einmal starten, die seltenen Bedingungen nutzen? Oder am Boden bleiben und die Erfahrung in Ruhe genießen?

Für ein Wiederaufsteigen spricht das Versprechen des Möglichen. Der Himmel ist offen, die Thermik trägt, die Chance ist da. Es ist die Logik des Abenteuers: Wenn sich eine Tür öffnet, geh hindurch.

Für das Bleiben am Boden spricht die Würde des Erlebten. Ein Moment, der vollkommen war, hat ein eigenes Gewicht. Ihm nachzuspüren, statt ihn sofort zu übertreffen, könnte ein Ausdruck innerer Reife sein – aber eben auch der Beginn von Stillstand? Wäre ich überhaupt hier, wenn ich immer nur zufrieden gewesen wäre?

Die Kunst des Genug

So wird der eigentliche Konflikt für mich nicht die Frage: „Soll ich noch einmal fliegen?“ Sondern:

Wie gehe ich mit erfüllten Momenten um?
Muss ein Höhepunkt sofort übertroffen werden?
Oder darf er einfach stehen bleiben, weil er gelungen ist?

Ist „genug“ ein Mangel – oder eine Form von Freiheit?

Dieser Flug zwingt mich, diese Fragen nicht theoretisch, sondern praktisch zu beantworten. Vielleicht liegt darin sein wahrer Wert: Er zeigt mir, wie tief die Spannung zwischen Möglichkeit und Maß in meinem Denken verwurzelt ist – und dass ich ihr nicht entkommen kann.

„Zuviel kann man wohl trinken, doch trinkt man nie genug.“
G. E. Lessing

Lessing sagt augenzwinkernd, was jeder echte Kapitalist fühlt. Kapital folgt der Logik der Rentabilität. Elon Musk hat gewiss viel zu viel, aber noch lange nicht genug. Irgendwie gilt das auch für mich. Zu viel zu haben ist leicht passiert, aber „genug“ – das ist eine Kunst. Besonders in einer Welt, in der Stillstand als Rückschritt gilt, Genuss als Verlust und Zufriedenheit fast wie ein Abgehängtsein wirkt.

Heute bleibe ich am Landeplatz – aber nicht aus vollem Herzen. Das Gefühl, etwas zu verpassen, nagt an mir. Vielleicht lerne ich es einst, es als treuen Begleiter des „genug“ zu akzeptieren.

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