Ich sitze in einem Kaufhaus in Innsbruck, in einer dieser kostenlosen Möbelecken, die irgendwo zwischen Großzügigkeit und Resteverwertung schweben. Der Stuhl ist unbequem, aber warm ist es hier – und das reicht. Hinter meinem Laptop sehe ich durch die Glasfront auf das bunte Treiben der Stadt. Menschen mit Einkaufstaschen, Kinder in dicken Jacken, darüber imposante, schneebedeckte Berge, die seit tausend Jahren über diese Stadt wachen. Die Sonne bricht durch die Wolken und legt ein helles Band über die Dächer. Ich versinke in Gedanken.
Vorgestern hatte ich ein Seminar bei einem Kunden – ein Zusammenschluss verschiedener Pflegeeinrichtungen. Es ging um unzufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das Haar in der Suppe finden, selbst wenn die Suppe eigentlich ganz gut ist. Menschen, die das Positive nicht sehen, obwohl es da ist. Ich kenne das. Wir alle kennen das. Vielleicht ist es sogar ein Stück weit unsere evolutionäre Grundausstattung.
Und während ich hier sitze, in dieser Stadt, die über Jahrhunderte kalten, dunklen Wintern getrotzt hat, frage ich mich: Habe ich selbst eigentlich Augen für das Gute, das einfach da ist auch dann, wenn mein kostenlose warmer Platz an Hintern und Rücken etwas zu hart daherkommt?
Wenn man ehrlich ist, leben wir in einer Zeit, die so unwahrscheinlich beschenkt ist, dass man schwindelig wird, wenn man kurz innehält. Seit rund 300000 Jahren existiert der moderne Mensch in seiner heutigen Form. Und wir – du, ich, jeder Mensch, der heute lebt – sind die letzten Glieder einer unvorstellbar langen Kette von Überlebenskünstlern. Hätte auch nur einer unserer Vorfahren aufgegeben, wäre er erfroren, verhungert oder einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, gäbe es uns nicht. Jeder einzelne hat sich durchgesetzt. Wir sind die Erben einer Ahnenreihe von Siegern. Wer von unseren Gewinner-Vorfahren würde nicht mit uns tauschen? Biete Kaufhaus gegen kalte, feuchte Höhle.
Und wo stehen wir heute?
In der komplexesten, sichersten und komfortabelsten Gesellschaft, die dieser Planet je gesehen hat. Warm, satt, medizinisch versorgt, mit einer Lebenserwartung, von der selbst römische Kaiser nur träumen konnten. Cäsar kannte weder Spaghetti noch Tomatensauce. König Ludwig hätte beim Anblick eines modernen Supermarkts vermutlich geweint – aus Freude oder Überforderung, wer weiß.
Ich selbst bin vor Kurzem aus Berlin ins Allgäu gezogen. Einfach so. Ohne einen Herrscher um Erlaubnis zu bitten, ohne Grenzkontrollen, ohne Lehnseid. Ich habe es einfach getan. Diese Freiheit ist so selbstverständlich geworden, dass ich erst gar nicht bemerkt habe, wie außergewöhnlich sie ist.
Vielleicht stimmt es: Wir sind evolutionär nicht unbedingt dafür gemacht, glücklich zu sein. Vielleicht haben sich die ewigen Nörgler, Pessimisten und Vorratskeller-Füller besonders gut durchgesetzt – zumindest fühlt es sich in Deutschland manchmal so an. Aber wir sind mehr als unsere Biologie. Wir können bewusst wählen, worauf wir unseren Blick richten.
Und wenn wir das tun, entdecken wir etwas Erstaunliches: Wir leben inmitten eines kulturellen Schatzes, der so reich ist, dass frühere Generationen ihn für Magie gehalten hätten.
Ich kann in zehn Sekunden Pachelbels Canon in D hören. Sofort. Spontan. Jeder kann das heute. Vor nicht allzu langer Zeit konnte das niemand. Und das ist schon fantastisch.
Noch fantastischer ist jedoch der Gedanke, dass es diesen Kanon überhaupt gibt. Wie viele Menschen waren nötig, um ihn möglich zu machen? Generationen von Sängerinnen und Sängern, Instrumentenbauerinnen und Instrumentenbauern, Musiktheoretikern, Komponisten, Lehrern, Schülern. Millionen Stunden von Hingabe, Neugier, Liebe und Herzblut – alles verdichtet in einem Stück Musik, das heute für uns bereitsteht, jederzeit, kostenlos, in unserer Hosentasche.
Ich sitze also hier, auf meinem unbequemen Stuhl, in einem warmen Kaufhaus, in einer Stadt, die seit Jahrhunderten trotzig gegen den Winter anlebt. Und ich merke: Ja, ich habe Augen für das Gute. Ich muss sie nur öffnen.
Manchmal reichen ein paar Gedanken, um ein bisschen glücklicher zu sein – aber jetzt stehe ich auf und gehe weiter.
